Gegen die Einsamkeit

Immer mehr Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Das heißt, sie haben den Eindruck, dass sie zu wenige soziale Kontakte haben oder dass, die die sie haben, keine wirkliche Qualität haben; dass sie nicht ausreichen, um sich geborgen zu fühlen.
Auch in unserer Verbandsgemeinde wird die Zahl der sich einsam fühlenden Menschen größer. Ländlicher Raum und eine alternde Bevölkerung wie bei uns sind nach dem Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung Faktoren, die Einsamkeit begünstigen.
Christinnen und Christen erinnern sich in dieser Woche, was Jesus in der letzten Woche seines Lebens durchgemacht hat: Angefangen vom Bejubeltwerden beim Einzug in Jerusalem an Palmsonntag, über den Verrat durch einen Freund, das Abschiednehmen von geliebten Menschen beim Abendmahl, die Erfahrung, dass selbst die treuesten Freunde untreu werden, bis hin zum verletzt werden durch andere: mit Schlägen und Folter, mit Spott und Hohn. Das Tragen der Last des Kreuzes, das Zusammenbrechen und Nichtmehrkönnen, das Verzweifeln an Gott, „Warum nur hast du mich verlassen?“ und schließlich das Grab. Gerade die Passion und der heutige Freitag erzählen auch von Alleingelassen-Werden, von Einsamkeit und zugleich Menschen, die treu bleiben: Allen voran die Frauen und der Lieblingsjünger aus Jesu Jünger*innenkreis: Sie sind es, die bleiben, sie sind es, die Jesus im Leiden und Sterben begleiten. Sie sind es, deren Sehnsucht sie zum Grab treibt.
Warum erinnern wir uns alle Jahre wieder an Jesu Leiden, Sterben und Tod? Für mich ist all das auch ein Programm gegen Einsamkeit: Jesus, von denen Christinnen und Christen behaupten, er sei Gott selbst, durchlebt so ziemlich alle Situationen eines Menschenlebens: Vom Hosianna bis hin zum Verrat, Sterben und Grab. Damit will mir und dir gesagt werden: Du bist niemals allein, da ist immer einer, der bei und mit dir ist; selbst dann, wenn du dich von Gott verlassen fühlst, ist er da und mit dir. Auch dieses Dunkel hält er mit dir aus.
Jesus hat die Einsamkeit, die ein menschliches Leben bringen kann, durchlitten und zeigt zugleich so echte und wahre Solidarität, die anstecken soll, damit auch wir niemanden allein lassen. Zugleich hat er in den Frauen und dem Lieblingsjünger aus seinem Kreis echte Solidarität erfahren.
Das, was wir in diesen Tag begehen, ist ein Fest gegen die Einsamkeit. Überall da, wo Menschen für andere da sind, mit ihnen leiden und helfen, dass sie aus ihrer Isolation finden, da ist Christus, der ja nicht tot geblieben ist, da ist Leben.
Der Blick auf Jesu Leiden und Sterben kann für uns als Kolpinggeschwister Grund sein, dass wir uns mit unserem Verband und unseren Kolpingsfamilien, den verschiedenen Einrichtungen und Angeboten genau dafür einzusetzen: dass Menschen Angebote haben, in denen sie anderen begegnen, ein Für- und Miteinander erleben – gegen die Einsamkeit.
Kolping als Sozialverband ist deshalb nicht irgendein Anhängsel der Kirche, sondern vielmehr die gelebte Fortsetzung der Botschaft der österlichen Tage des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu: Kolping will Raum zur Begegnung, zum Leben gegen Einsamkeit geben. Kolping will zur Solidarität bewegen trotz und gerade wegen allem Unrecht, das weltweit Menschen erleben müssen.
Jesus durchleidet Schreckliches, damit wir, wenn es uns passiert, ahnen, dass wir nicht allein sind, dass er mit uns leidet. Aber dieses schreckliche Unrecht und Leid, wird uns auch erzählt, damit wir von Jesu Leiden mit und für uns auch motiviert werden zu Solidarität – gerade auch da, wo alles am Ende scheint. Da Aus- und Zusammenzuhalten, das ist es, was wir von den Jüngerinnen und dem Lieblingsjünger lernen können und wie tröstlich an diesem Karfreitag, dass es das auch dank Kolping an vielen Orten gibt!
